Interview mit Anna-Lena Mathieu, Head of Global Learning bei Knauf 

Beim Thema Lernen war Anna-Lena Mathieu schon immer mit Leidenschaft dabei. Heute leitet die 30-Jährige interkulturelle Trainerin die berufliche Weiterbildung für rund 40.000 Mitarbeitende bei der Gebrüder Knauf KG.

Was ist Lernen, wie geht Lernen und warum ist es für Unternehmen und Mitarbeitende unabdingbar?

Wir haben Anna-Lena gefragt.

Lernen spielt in Deinem Leben eine große Rolle – wie bist Du dazu gekommen?

Ich hatte Glück und bin schon mit 17 auf meine Leidenschaft fürs Lernen gestoßen!

Nach einem Schüleraustausch in die USA habe ich mich ehrenamtlich engagiert und selber Schüler:innen für ihr Austauschjahr vorbereitet. Schließlich hatte ich selbst viel gelernt und wollte diese Erfahrungen teilen. Später habe ich in dem Verein für Schüleraustausch, YFU, die Weiterbildung für Ehrenamtliche vorangetrieben. Über ein Master-Studium Erwachsenenbildung & Lifelong Learning habe ich meinen Weg ins Corporate Learning gefunden. Den ersten Job hatte ich dann als Training Managerin bei Bosch in Vietnam. 

Lernen, was heißt das für Dich persönlich? 

Lernen bedeuten für mich: Veränderung als Chance zu begreifen. Das Neue ermöglicht mir, mich immer wieder weiterzuentwickeln und dabei zu wachsen. Lernen ist ein lebenslanges Geschenk!

Wenn wir uns jetzt dem Bereich Corporate Learning oder Learning & Development zuwenden, welche Rolle spielt Weiterbildung im Beruf?

Die Welt ist unbeständig, unsicher, komplex, mehrdeutig und in mancher Hinsicht auch unvorhersehbarer geworden. Kontinuierliches Lernen ist daher die einzige Chance, in einem fließenden Umfeld zu bestehen – als Individuum, aber auch als Organisation. Besonders Unternehmen sind gefordert, denn ohne die beständige Weiterentwicklung ihrer Mitarbeitenden werden sie nicht bestehen können. Je früher und klarer das erkannt wird, desto besser.

Reichen eine gute Schulausbildung und ein Universitätsabschluss beziehungsweise eine Top-Berufsausbildung als Voraussetzung für anhaltenden beruflichen Erfolg noch aus?

Auf keinen Fall! Veränderungen und Weiterentwicklungen von Märkten, Mitbewerbern und Technologien erfolgen heute unglaublich schnell. Sie beeinflussen unser Arbeitsumfeld, setzen Organisationen einem hohen Innnovationsdruck aus und sorgen für Disruption. Wer auf sein eigenes Leben schaut, stellt sofort fest: Wir arbeiten heute ganz selbstverständlich mit Technologien, die es vor fünf Jahren noch gar nicht gab – Videokonferenzen, Remote-Workspaces, datengetriebene Geschäftsprozesse, Remote-Learning und so weiter. Wir dürfen also kontinuierlich weiterlernen. 

Du sagst, die Welt verändert sich schnell und erfordert es, beständig zu lernen – ein Leben lang. Was ist heute anders im Vergleich zu 1990?

Es sind die digitale Revolution und das Informationszeitalter, die viel verändert haben. Reines Faktenwissen hat eine geringe Halbwertszeit und ist nicht mehr so viel wert wie früher. Stell Dir mal vor: Selbst erfahrene Führungskräfte finden sich aktuell in der Situation, das bislang bewährte Methoden nicht mehr zum Ziel führen. Moderierte Team-Meetings in Präsenz etwa funktionieren vollkommen anders als digitale Meetings. Hier setzen ja auch die Lernhelden gezielt an und vermitteln die dringend benötigen Softskills. Mit dem Fakten-Wissen von früher kann man nur noch wenig bewirken. Wir sind mit komplexen Problemen konfrontiert. 

Wissen ist weniger gefragt, dafür aber Kompetenzen – welche Fähigkeiten sind es denn, die in der heutigen Berufswelt von besonderer Bedeutung sind?

Das lässt sich nur schwer knapp beantworten. Grob zusammengefasst sehe ich vor allem vier wichtige Bereiche:

Das sind erstens Problemlösungskompetenzen und zweitens Selbstlernkompetenzen. Der dritte Bereich umfasst vor allem soziale Fähigkeiten, um mit anderen zusammenzuarbeiten. Und schließlich die Fähigkeit, neue Technologien zu verstehen und gewinnbringend einzusetzen. 

Wer sich intensiver mit der Thematik beschäftigten will, den lade ich herzlich ein, sich den kuratierten Überblick von Jan Foesling und Stefan Diebolder eingehender anzuschauen. 

Wie lassen sich diese Kompetenzen erwerben? Wie geht Lernen heute? 

Schaut man sich die geforderten Fähigkeiten an, ist klar: Diese eignet man sich nicht an einem Tag an, sondern kontinuierlich, in kleinen Dosen und durch Praxiseinsatz.

Lernen im Netzwerk und im Austausch mit anderen ist ein wichtiger Erfolgsschlüssel, denn Teilen und Kollaboration sichern beständiges Feedback und zugleich Impulse zur Selbstreflexion. Und da neue Fähigkeiten sich mit Gewinn im Alltag nutzen lassen sollten, ist die Integration des Lernens in den Arbeitsalltag besonders effizient. 

Wer ist verantwortlich für die Weiterbildung? Sind Unternehmen und ihre HR-Abteilung gefordert oder sind die Mitarbeitenden selbst in der Verantwortung? Hast Du Best Practices, die Du teilen magst?

Das ist eine wichtige Frage. Ich würde sagen, alle genannten Akteur:innen sind verantwortlich, und zwar für unterschiedliche Aspekte.

Die Personalentwicklung ist gemeinsam mit der Unternehmensführung dafür verantwortlich, einen guten Rahmen für Lernen und Weiterbildung zu schaffen. Die Rahmenbedingungen sollen die Weiterentwicklung der Mitarbeitenden unterstützen und sie nicht davon abhalten.

Ich denke etwa an Zeiträume für Lernen, selbstgewählte Weiterbildungsangebote, selbstgesteckte Lernziele, Empfehlungen für Lernangebote, wie man das von bspw. Netflix kennt, von Mitarbeitenden selbst verwaltete Weiterbildungsbudgets und vieles mehr. Weil Fähigkeiten wie soziale Kompetenz oder Kreativität wichtiger werden, braucht es eine lernfördernde Unternehmenskultur.

Natürlich sind auch Mitarbeitende und Führungskräfte verantwortlich, die eigene Weiterentwicklung in Co-Creation mit der Personalentwicklung voran zu treiben. Wie gesagt, lebenslanges Lernen ist ein Geschenk; es erfordert aber auch Verantwortung für den eigenen Weg und Selbstermächtigung. 

Wie wirkt sich Corona auf die Weiterbildung aus? Was sind Deine Take-Aways?

Tatsächlich gibt es mehr Online-Angebote und digitales Lernen hat einen enormen Sprung gemacht.

Mein Take-Away: Es ist viel mehr möglich, als Verantwortliche in puncto digitale Veränderung angenommen haben. Trotzdem müssen wir natürlich auch eine ausgewogene und sinnvolle Balance zwischen Präsenz- und digitalen Angeboten finden. Es geht um die Kombination des Besten aus beiden Welten. 

Was meint Du, wie sieht Corporate Learning in zehn Jahren aus? Erleben wir das lernende Unternehmen?

Ja! Auf jeden Fall. Vom lernenden Unternehmen bin ich überzeugt.

Lernen wird selbstverständlicher Teil des Arbeitens und in unsere tägliche Routine integriert sein. Menschen lernen selbstgesteuert und eigenverantwortlich in organisationsübergreifenden Netzwerken.

Corporate Learning wird ein strategischer Pfeiler für die Geschäftsleitungen, um ihre Ziele zu erreichen. 

Was entspannt Dich, wenn Du gerade keine Lernkonzepte entwickelst, netzwerkst oder selber lernst?

Och, das ist zwar selten, denn ich bin immer richtig glücklich, wenn ich etwas Lernen darf.

Zum Entspannen koche oder esse ich – am liebsten natürlich etwas Feines aus der asiatischen Küche. Die Natur ist auch ein toller Ort zum Entspannen. Spazierengehen im Grünen, Yoga, Malen oder puzzeln hat bisher noch jeden Streß klein gekriegt. 



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